Die Einkommen in Deutschland sind in den vergangenen Jahren gestiegen – allerdings nicht für alle Bevölkerungsgruppen im gleichen Maß. Darauf hat Sozialstaatssekretärin Kerstin Griese in einer Bundestagsrede zum siebten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung hingewiesen.
„Über einen längeren Zeitraum von jetzt schon zehn Jahren haben die Einkommen aller Bevölkerungsgruppen real, also inflationsbereinigt, zugelegt“, sagte Griese. Der Zuwachs sei jedoch unterschiedlich stark ausgefallen. „In den höheren Einkommensgruppen ist der Zuwachs größer.“ Deshalb gebe es weiterhin eine steigende Armutsrisikoquote.
Positiv bewertete Griese die Entwicklung im Niedriglohnsektor. Deutschland sei lange für einen besonders großen Niedriglohnbereich bekannt gewesen. „Aber hier haben wir tatsächlich eine Trendwende geschafft durch den gesetzlichen Mindestlohn und durch gute Tarifabschlüsse“, sagte sie. Der Niedriglohnanteil sei von 23 Prozent im Jahr 2017 auf 15,9 Prozent im Jahr 2024 gesunken. Gleichzeitig bleibe eine schwache Tarifbindung ein Hindernis für faire Löhne. Deshalb sei es richtig, mit dem Tariftreuegesetz die Tarifpartnerschaft zu stärken.
Ein neuer Schwerpunkt des Berichts ist die stärkere Beteiligung von Menschen mit eigener Armutserfahrung. Griese berichtete von Veranstaltungen, bei denen Betroffene gezielt einbezogen wurden. Das sei wichtig, weil Menschen mit geringem Einkommen oft geringere Möglichkeiten zur politischen Teilhabe hätten. Ziel sei deshalb eine „niedrigschwellige und breite Beteiligung“.
Außerdem untersuchte der Bericht, warum manche Menschen Sozialleistungen nicht beantragen, obwohl sie Anspruch darauf hätten. „Dafür gibt es viele Ursachen“, sagte Kerstin Griese. Gerade mit Blick auf solche Ergebnisse warnte sie vor vorschnellen Vorwürfen: Manche sprächen „leichtfertig von umfassendem Sozialmissbrauch“. Auch die sogenannte verdeckte Armut ist Thema des Berichts. Die Bundesregierung wolle mehr tun, um Menschen „schnell und unbürokratisch zu erreichen“. Vorschläge dazu habe unter anderem die Sozialstaatskommission erarbeitet, die den Sozialstaat einfacher, gerechter und digitaler gestalten soll.
Ein weiterer Aspekt betrifft die sozialen Folgen von Klimawandel und Klimapolitik. Haushalte mit geringem Einkommen verursachten zwar weniger CO₂-Emissionen, seien aber häufig stärker von steigenden Kosten betroffen. Deshalb müsse dieser Unterschied stärker berücksichtigt werden, damit „alle an der Transformation zur Klimaneutralität teilhaben können“, so Griese.
