Evangelischer Kirchentag: eine Dialogbibelarbeit

Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, und Kerstin Griese haben auf dem Kirchentag eine Dialogbibelarbeit gehalten. Mit der Musik von Swinging Brass wurde es eine Stunde, die sich um Frauen und Vertrauen, um Kontrolle, Zuversicht und Glauben, um Politik und soziales Engagement drehte.

Dortmund - im EissportzentrumLiebe Kirchengemeinde,
wir begrüßen euch herzlich zu unserer Bibelarbeit. Als erstes lesen wir den heutigen Text, Lukas 7, Verse 36 bis 50.
Einer aus der phärisäischen Bewegung lud Jesus zum Essen ein. Jesus kam in das Haus des Pharisäers und legte sich zu Tisch.
Und seht: Da war eine Frau, die in der Stadt als Sünderin galt. Als sie erfuhr, dass Jesus im Haus des Pharisäers zu Gast war, brachte sie ein Alabastergefäß mit Balsamöl.
Sie stellte sich von hinten zu seinen Füßen und begann zu weinen. Ihre Tränen benetzten seine Füße. Mit ihren Haaren trocknete sie seine Füße, küsste sie und salbte sie mit dem Öl.
Als der Pharisäer, sein Gastgeber, das sah, sagte er zu sich selbst: „Wenn er ein Prophet wäre, würde er erkennen, was für eine Frau ihn da berührt: eine Sünderin!“
Jesus wandte sich ihm zu und sagte: „Simon, ich habe dir etwas zu sagen.“ Simon antwortete: „Sag es mir, Lehrer.“
„Zwei Leute hatten Schulden bei einem Geldverleiher. Der eine schuldete 500 Denare, die andere 50.
Sie waren nicht in der Lage, das Geld zurückzuzahlen. Da schenkte er es ihnen beiden. Wer von ihnen liebt den Geldverleiher mehr?“
Simon antwortete: „Ich vermute, der, dem er am meisten geschenkt hat.“ Jesus sagte zu ihm: „Du hast richtig geurteilt.“
Er drehte sich zu der Frau um und sagte zu Simon: „Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser für meine Füße gegeben. Sie aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet.
Du hast mich nicht mit einem Kuss begrüßt. Sie aber hat, seit sie hier ist, nicht aufgehört, meine Füße zu küssen.
Du hast meinen Kopf nicht mit Öl gesalbt, sie aber hat meine Füße mit Balsamöl gesalbt.
Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind ihr vergeben, denn sie hat viel geliebt. Wem aber wenig vergeben wird, liebt wenig.“
Jesus sagte zu ihr: „Dir sind die Sünden vergeben.“
Da fingen die anderen am Tisch an, untereinander zu reden: „Wer ist er, dass er auch Sünden vergibt?
Jesus sagte zu der Frau: „Dein Vertrauen hat dich gerettet. Geh in Frieden.“

2. Exegese – historische Einordnung

Kerstin Griese:
Liebe Kirchentagsgemeinde, sehr verehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder,
ganz schön viele Klischees auf einem Haufen versammelt. Das habe ich gedacht, als ich den Bibeltext in der Vorbereitung zum ersten Mal gelesen habe.
Das ist ja mal wieder typisch! Jesus kehrt bei einem Pharisäer ein, der natürlich sofort alles falsch macht und missversteht. Pharisäer sind in den Evangelien oft die Bösewichte. Ständig missverstehen sie Jesus. Sie stellen ihm oft rhetorische Fallen oder denken – wie hier im Bibeltext – heimlich, dass Jesus bestimmt ein falscher Prophet ist.
Das hat über Jahrhunderte zu antipharisäischen – und antijüdischen Auslegungen und Vorurteilen geführt. Ein „Pharisäer“ galt als verschlagen und als heuchlerisch. Oder als Betrüger: Wenn man in Nordfriesland im Kaffee heimlich Schnaps trinken wollte, ohne dass es jemand bemerkt, dann bestellte man einen „Pharisäer“ – einen Kaffee mit Schuss und Sahne obendrauf, die den Geruch verdeckt. Das klingt vielleicht amüsant – darin transportiert sich aber ein uraltes antijüdisches Vorurteil.

Verena Bentele:
Und typisch ist ja wohl auch das Bild der Frau! Die Namenlose, die kein Wort sagt und hübsch devot zu den Füßen sitzt und still weint. Ist das die Art von Frömmigkeit, die der Text von uns erwartet?
Die Frau hat das Weinen als Äußerung von Emotionen, sie hat aber nicht die Worte um zu argumentieren oder etwas zu erklären. Sie hat im Text keine Sprache um den Austausch zu pflegen, nur die Tat.

Kerstin Griese:
Für die Pharisäer zumindest sieht es auf den zweiten Blick schon anders aus. Eigentlich sind das Menschen, die sich besonders um die rechte Auslegung der Tora bemühen. Deshalb fragen sie Jesus ständig nach seiner Auslegung der Schriften.
Die Pharisäer sind eine Gruppe, die sich um ein rechtes Leben vor Gott bemühen – und zwar ganz konkret: Wie verhalte ich mich korrekt, wie halte ich die geltenden Reinheits- und Speisegebote im Alltag ein? Sie haben den Fokus nicht so sehr auf den Kult im Tempel gelegt, sondern sich um das Studium der Tora und den Vollzug im Alltag gekümmert. Das war wahrscheinlich eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass „das Judentum“ die Zerstörung des Tempels durch die Römer überlebte. – Wobei es nicht „das eine“ Judentum gab, sondern ganz viele verschiedene jüdische Strömungen.
Im Neuen Testament gibt es viele Beispiele dafür, dass die Anhänger Jesu sich mit Pharisäern kritisch auseinandergesetzt haben. Aber das lag möglicherweise gar nicht daran, dass sie sich sehr von ihnen unterschieden haben, sondern im Gegenteil daran, dass sie sich in vielem sehr nahe waren.
Ich kenne das aus der Politik und auch aus der Kirche: Wer einem nahe ist, dem verzeiht man eine unterschiedliche Auffassung besonders ungern. Das sieht man doch bei so manchen Auseinandersetzungen.

Verena Bentele:
Der Pharisäer hatte ein klares Ziel: Er hat Jesus zu sich nach Hause eingeladen. Das zeigt schon, dass er Nähe und Exklusivität herstellen wollte. Über die Speisen erfahren wir nichts im Text. Denn das Essen war ja nicht in erster Linie zum Sattwerden da. Das Essen war eher, wie wir heute sagen würden, ein Meeting, es ging um soziale Kontakte. Sozusagen der Chatroom der antiken Jesusbewegung. Wenn der Pharisäer Simon Jesus hier einlädt, dann sagt er damit öffentlich: Mit dem stehe ich im Austausch. Ich will hören, was der zu sagen hat.
Mich irritiert eher, dass es wieder Mal nur die Männer sind, die zu Wort kommen. Eigentlich eine späte Genugtuung, dass nun wir zwei Frauen den Text auslegen, was Kerstin?
Aber im Ernst: Die Frau „galt in der Stadt als Sünderin“. War sie überhaupt eine Sünderin? Ich denke da gleich an übles Gerede, an Leute, die sich das Maul über die Frau zerreißen. Wir erfahren nur indirekt etwas über die Frau. Sie stellt sich hinten zu Jesu Füßen und hat ein Alabastergefäß mit Öl, mit dem sie Jesu Füße salbt. Ich stelle mir das so vor, dass die Herren zu Tische liegen. So war das in der Antike, man saß nicht am Tisch sondern lag auf bequemen Liegen. Die Frau steht dann wohl am Fußende. Sie weint.

Bentele und GrieseKerstin Griese:
Weint sie aus Scham?

Verena Bentele:
Vielleicht. Oder, weil alle sie für eine Sünderin halten – und sie ganz allein ist. Vielleicht hat sie auch Angst, gleich rausgeschmissen zu werden. Frauen waren normalerweise nicht bei solchen Essen dabei – zumindest nicht als Gäste. Auf jeden Fall trocknet sie Jesus die tränennassen Füße mit ihren Haaren.
Diese wenigen Informationen bieten Anlass zur Spekulation. Haare haben in der Antike oft eine erotische Konnotation. Bis heute gelten Haare ja in einigen Kulturen als etwas Erotisches, das zwischen zwei Liebenden allein geteilt werden soll. Und auch das Alabastergefäß wäre für antike Zuhörerinnen ein Hinweis gewesen. Es gibt alte Abbildungen, auf denen Prostituierte mit solchen Gefäßen gezeigt werden. Sie salbten die Männer mit kostbaren Ölen ein.

Kerstin Griese:
Mir fällt auf, dass die Beschreibung der Frau sehr körperlich ist. Von den Männern aber wird berichtet, was sie denken. Das ist zweitausend Jahre später nicht viel anders. In der Politik gibt es diesen doppelten Standard doch immer noch. Über Frauen wird ständig berichtet, wie sie aussehen, was sie anhaben, wie hoch oder tief, laut oder leise ihre Stimme ist. Männer werden da immer noch anders wahrgenommen.
Aber Jesus sieht die Frau ja anders als die, die sich das Maul zerreißen. Er stellt die Sünderin, die Prostituierte, der Stadtgemeinschaft als Vorbild vor Augen. Das passt ja auch zu allem, was wir sonst so von Jesus und den Frauen wissen. Er ist Frauen auf Augenhöhe begegnet. Sie spielten in seinem Leben eine wichtige Rolle.
Unter den Menschen, die Jesus folgten, waren Frauen und Männer. Er scheint keinen Wert auf Geschlechtertrennung gelegt zu haben. Unmittelbar auf diesen Bibeltext folgt im Lukasevangelium der ausdrückliche Hinweis darauf, dass unter denen, die Jesus folgten, Frauen waren, „die [Jesus] gesund gemacht hatte von bösen Geistern und Krankheiten“ (Lk 8,2). Es sind Frauen, die Jesus bis zuletzt die Treue halten und ihn auch am Kreuz nicht verlassen und es sind Frauen, denen Jesus als Auferstandener zuerst erscheint.

Verena Bentele:
Ja, das stimmt schon. So gesehen hinterfragt diese Geschichte die offensichtlichen Werte. Die Frau, die von der Stadtgesellschaft ausgestoßen wird, nähert sich Jesus auf physisch vertrauliche und vertraute Weise, ohne Worte, ohne Interpretation. Vielleicht ist die Ausgestoßene ja die Expertin für Vertrauensfragen?

3. Theologische Zuspitzung

Kerstin Griese:
Für mich sind zwei Worte in dieser Geschichte zentral. Eines steht am Anfang und eines am Ende. Am Anfang ist von Sünde die Reden. Und am Ende spricht Jesus von Vertrauen. Ich bin ja Tochter eines evangelischen Pfarrers, deshalb habe ich hier die berühmte Übersetzung der Lutherbibel im Kopf: „Dein Glaube hat Dir geholfen.“ Diesen Satz mochte ich schon immer.
Sünde dagegen ist für mich ein sperriger Begriff. Da denke ich gleich an eine verquere Moral, die den Alltag in gute und schlechte Taten einteilt. Vor so einer Sünde hat man dann immer Angst, es ist das Gegenteil von Freiheit.

Verena Bentele:
Genau! Ich habe gestern gesündigt und zwei Kugeln Schokoeis mit Erdbeeren gegessen! Ich bin Katholikin und habe als Kind, beispielsweise in der Vorbereitung auf die erste Kommunion, die Sünde immer mit einer Art Schauer erlebt. Du bist Mensch und damit Sünder. Aber Du kannst beichten gehen, um Vergebung bitten, und alles ist wieder gut. Das Konzept Sünde löst einen Erwartungsdruck aus, du musst funktionieren, dich so verhalten wie alle, sonst wird es teuer.

Kerstin Griese:
Ja, oder die „Verkehrssünder“, über die sich jeder aufregt. Im Kontext der Geschichte der Frau, die „als Sünderin galt“, denke ich aber auch an eine verklemmte Sexualmoral. Die sündigen Frauen verführen dann wie Eva mit dem süßen Apfel in der Hand die armen Männer. Und ich denke auch daran, was eine autoritäre Sexualmoral in der Kirche für ein Unheil angerichtet hat – und an einigen Stellen wohl immer noch anrichtet!
In der Bibel ist mit Sünde aber eigentlich ein Verhalten oder ein Zustand gemeint, in dem man sich im Widerspruch zu Gott befindet. Dabei geht es nicht um Moral, sondern um das Verhältnis zu Gott. Der Theologe Rudolf Bultmann hat gesagt, dass Sünde ein „verkehrtes Trachten“ ist, „das das eigentliche Sein des Menschen verfehlt.“ Die wahre Sünde ist demnach „der Wahn, das Leben nicht als Geschenk des Schöpfers zu empfangen, sondern es aus eigener Kraft zu beschaffen, aus sich selbst statt aus Gott zu leben.“
Diese Versuchung kennen wir doch alle – ich oute mich jetzt zumindest mal: Wir haben so viel zu managen und so viel zu tun, dass man manchmal fast der Versuchung erliegt, alles zu kontrollieren, alles selbst in die Hand zu nehmen.
Dies ist die Sünde. Nicht der Klatsch und Tratsch, über den die Stadt in Bezug auf die Frau lästert.

Verena Bentele:
Und da sind wir schon beim Vertrauen, dem zweiten Begriff, den Du angesprochen hast, Kerstin.
Unser natürlicher Impuls ist die Kontrolle. Wenn wir etwas fachlich und sachlich begreifen und erklären können, dann sind wir alle sehr beruhigt. Kontrolle ist eine Form der Struktur, die uns Sicherheit bietet. Die Männer am Tisch in unserer Geschichte suchen ihre Sicherheit im Wort. Die Frau jedoch verliert die Kontrolle, weint, und kommt Jesus nah. Wenn ich etwas erreichen möchte, dann ist auch in meinem Leben die Kontrolle irgendwann zu Ende. Mir hilft nur das Vertrauen, zum Beispiel wenn ich im Sport mit 40 Stundenkilometern meinem Begleitläufer den Berg hinunter folge. Nur durch Vertrauen kann ich die Goldmedaille gewinnen.

Kerstin Griese:
Genau. Wir haben ja in Vorbereitung dieser Bibelarbeit länger über Vertrauen und Glauben geredet. Ist das dasselbe? Wie hängt beides zusammen?

Verena Bentele:
Für mich ist Glaube der Grund, der Sinn zu vertrauen. Wir haben das geschenkte Urvertrauen als Kinder, jedoch wird dieses immer wieder erschüttert. Wer Vertrauen möchte, der muss an etwas glauben um nicht zu verzagen. Wenn wir keinen Glauben haben, haben wir keine Ziele. Vielleicht braucht nicht jeder Glaube ein konkretes Ziel, wie den Gipfel der Zugspitze. Aber die Ziele oder Gegenstände oder Bilder im Kopf helfen uns zu glauben.
Ich war lange Profisportlerin, Ziele im Sport sind unfassbar wichtig, denn nur das konkrete Ziel lässt mich durchhalten wenn es schwierig wird. Nur der Wunsch nach einer Medaille lässt mich schneller laufen wenn der Berg kein Ende nimmt und die Beine brennen. Vertrauen heißt für mich: Ich lasse los, der Glaube an mein Ziel beflügelt mich und lässt mich vertrauen in meine Fähigkeiten, lässt mich aber auch in andere Menschen als Wegbegleiter vertrauen.
Als ich 2009 bei einem Wettkampf starten wollte, hat mein Begleitläufer damals rechts und links verwechselt. Die Folge war, dass ich 3 Meter einen Abhang hinuntergefallen bin. Dieses Erlebnis hat mein Vertrauen in die Menschen, die mich doch im Sport unterstützen sollen, sehr erschüttert.
Am Ende hat mir ein neues Ziel, der Glaube an die nächste Goldmedaille bei den Paralympics in Vancouver, sehr geholfen. Durch den Glauben an dieses Ziel war ich wieder in der Lage loszulassen. Egal ob ich als Sportlerin, oder heute als Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ziele habe, muss ich an diese glauben. Daher denke ich, dass der Glaube Ziele braucht und die Ziele wichtig sind um zu vertrauen. Im Vertrauen steckt ja auch sich etwas zu trauen. Mit dem Glauben an ein Ziel trauen wir uns sicher mehr zu als ohne Ziel und ohne Glaube daran.

Kerstin Griese:
Das ist toll. Aber mir ist nich etwas anderes wichtig. Ich weiß nicht, ob man vertrauen „lernen“ kann, wie Du das beschreibst, Verena. Ich finde, Glauben ist immer auch etwas Geschenktes, Unverfügbares. Man entscheidet sich ja nicht unbedingt dafür, dass das Gottvertrauen fehlt. In der Bibel ist „Glauben“ die Antwort auf Gottes Handeln. Glauben ist immer beides, ein Geschenk und eine Offenheit für dieses Geschenk. Sozusagen eine hoffnungsvolle Zukunftseinschätzung. Die Zuversicht, dass es gut gehen könnte. Davon bin ich auch in der Politik motiviert. Gerade in schwierigen Zeiten, wie ich sie in den letzten Monaten in meiner Partei, der SPD, erlebe, müsste man ohne Zuversicht verzagen.
So begegnet ja auch unsere Frau Jesus. Sie weiß, dass sie einen schlechten Ruf hat. Und sie macht sich Sorgen, schämt sich vielleicht, weint sogar. Aber sie kommt in der Hoffnung zu Jesus, dass es gut ausgehen könnte. So ist sie die eigentliche Vertrauenskünstlerin der Geschichte.
Darauf folgt eine Begegnung. Sie trifft auf Jesus – und Jesus lässt sich von ihr berühren. Das finde ich richtig symbolisch für unsere Gesellschaft heute. Wenn wir es schaffen würden, einander mit einem Vertrauensvorschuss zu begegnen, wenn wir uns voneinander – von unseren Schicksalen und Erfahrungen – berühren ließen, dann wäre viel gewonnen.
Und noch etwas ist mir wichtig: Der Glaube führt sie in die Tat. Sie sitzt nicht zuhause und glaubt vor sich hin. Der Glaube macht, dass sie sich aufmacht und in das fremde Haus hineingeht.

Verena Bentele:
Das finde ich auch spannend. Der Glaube an Jesus führt in die Tat. Die Frau lässt los, lässt sich nicht von den Bedenken aufhalten und vertraut. Das meine ich mit Zielorientierung im Sport – und nicht nur im Sport. Die Überzeugung für eine Sache, für ein Ziel, hilft auch in der Politik beim Einstecken von Rückschlägen.
Die Frau in unserer Geschichte ist Nähe zu Jesus, ist der wunsch angenommen zu werden.
Das ist ein wunderschönes Ziel, Menschen annehmen zu können wie sie sind – und sich selbst angenommen zu fühlen.

Kerstin Griese:
Für mich ist der Glaube auch in meinem politischen Leben eine Antriebskraft. Das heißt nicht, dass ich vor jeder Abstimmung im Bundestag schnell mal in der Bibel nachblättere, wie ich abstimmen muss. Denn da steht ja – zum Glück – nicht, wie genau die Grundsteuer geregelt werden muss, welche Rentenpunkte für die Grundrente gelten sollen oder wie das Freiwillige soziale Jahr gestaltet werden soll.
Aber einen Kompass für die Richtung meines Handelns, die gibt mir mein Grundvertrauen schon. Ich muss den Kompass aber selbst aktiv orten. Ich muss mich selber fragen, welche Politik ich mit meinen christlichen Grundwerten machen kann und will. Und dann finde ich in der Bibel die Grundwerte von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

4. Aktualisierung: Vertrauen in die Gesellschaft

Verena Bentele:
Das Thema Vertrauen ist heute in der Gesellschaft so aktuell und wichtig wie vor 2000 Jahren. Ich halte das für die große gesellschaftliche Herausforderung – neben dem Klimawandel vielleicht. Die Fragen heute drehen sich um das Vertrauen in den Sozialstaat, das Vertrauen in die Zukunft, in den Wahrheitsgehalt von Informationen. Viele Menschen haben eine kaum zu begreifende Angst vor der Zukunft. Ich erlebe heute, dass viele Menschen nicht mehr in politisches Handeln vertrauen. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass viele junge Menschen nicht mehr an unser Rentensystem glauben. Wenn heute immer wieder thematisiert wird, dass die alten Menschen auf Kosten der Jüngeren leben, dann finde ich das nicht förderlich für ein Grundvertrauen und ein gesellschaftliches Miteinander. Aber genau dieses vertrauensvolle Miteinander ist so wichtig um Herausforderungen zu schaffen. Viele Menschen haben einerseits Angst davor, dass die Digitalisierung ihren Job auffrisst und sie bald nicht mehr gebraucht werden. Auch in diesem Fall ist es eine der großen Aufgaben der politisch Handelnden, dass die Sorge nicht das Vertrauen verdrängt. Wenn einige Arbeitsplätze wegfallen, wird es dafür andere geben. Die Aufgaben in einer Gesellschaft gehen jedenfalls nicht aus. Vertrauen der Menschen in die Politik zurückzugewinnen könnte so aussehen, dass gesellschaftliche Aufgaben wie Pflege, die Unterstützung von Kindern oder ökologische Projekte einen höheren Wert bekommen. Diese Aufgaben werden von der Digitalisierung nie vollständig übernommen werden können.
Oftmals begegnen die Bürgerinnen und Bürger dem Staat nicht unbedingt mit Vertrauen – und der Staat den Menschen auch nicht, oder Kerstin?

Kerstin Griese:
Es muss uns Politikerinnen und Politiker sehr besorgen, wenn Menschen dem Staat nicht mehr mit Vertrauen begegnen. Ich erlebe gerade, wie diese Verdrossenheit von rechtsaußen auch noch angeheizt wird. Wenn AfD-Abgeordnete im Bundestag oder im Internet voller Verachtung über unsere parlamentarische Demokratie sprechen, wenn sie jedes Thema nur noch gegen Flüchtlinge kehren und wenn sie ihrem Rassismus und ihrer Geschichtsvergessenheit freie Bahn lassen – dann ist das brandgefährlich.
Ich will sehr konkret daran arbeiten, dass Menschen dem Staat und der Solidargemeinschaft vertrauen können. Ich denke ganz konkret an das wichtigste Versprechen des Sozialstaates: Alle Menschen müssen sich darauf verlassen könne, dass sie nach einem Leben voller Arbeit im Alter gut abgesichert sind. Deshalb sorgen wir für die Stabilisierung des Rentenniveaus. Deshalb bin ich dafür, dass wir eine echte Grundrente einführen, die den Namen auch verdient hat und die Lebensleistung anerkennt – ohne eine Bedürftigkeitsprüfung. Ich bin für einen Mindestlohn von denen man leben kann. Ich setze mich dafür ein, dass Pflegekräfte besser bezahlt werden, damit sie ihren Job gut und gerne machen können und damit jede und jeder sich sicher sein kann, dass man im Alter gut gepflegt wird.
Auch die Angst, die eigene Wohnung zu verlieren und keine neue zu finden, die man im vertrauten Viertel bezahlen kann, trägt zu einer tiefen Verunsicherung bei. Deshalb brauchen wir in den Großstädten eine Begrenzung der Mieten. Und nicht zuletzt – eigentlich zuallererst – ist mir wichtig, dass alle Kinder gute Chancen haben, dass sie geschützt und mit guten Bildungschancen aufwachsen. Dafür engagierte ich mich aus tiefster Überzeugung.
Gerade als Politikerin spüre ich aber die Ängste und den Vertrauensverlust, von dem Du sprichst, Verena.

Verena Bentele:
Ich bin Präsidentin eines großen Sozialverbands mit zwei Millionen Mitgliedern. Und ich denke seit Längerem darüber nach: Warum vertrauen unsere Mitglieder genau in unseren Verband? Was bieten wir ihnen an, was sie bei Parteien nicht finden?
Wir bieten eine Rechtsberatung an und unterstützen unsere Mitglieder ganz greifbar darin, zu ihrem Recht zu kommen.
Ein anderer Grund ist sicher auch, dass unsere Forderungen und Überzeugungen eine verlässliche Größe sind. Wir sind nicht von Koalitionen abhängig und müssen unsere Vorstellungen nicht für 4 Jahre zurückstellen.
Nehmen wir die Krankenversicherung: Als VdK-Präsidentin bin ich, genau wie meine Vorgänger, für eine Versicherung für alle Bürger, gegen eine zwei-Klassen-Medizin. Das fordern wir seit vielen Jahren.
Ich denke, dass unsere Mitglieder bei uns weniger Vertrauenserschütterungen erleben, als sie das vielleicht in Parteien tun, wo der Kompromiss an der Tagesordnung ist. Wir entwickeln Visionen, ihr müsst den mühsamen Weg von der Idee zur Umsetzung, von der Vision in die Realität der Koalitionen finden.

Kerstin Griese:
Einspruch! Wir entwickeln auch Visionen.

Verena Bentele:
Ich dachte, wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.

Kerstin Griese:
Vor vielen Jahren hat das mal ein SPD-Politiker gesagt und ich fand das schon immer einen doofen Spruch.
Spaß beiseite. Ich halte das für einen ganz wichtigen Punkt. Die Wahrheit ist doch, dass der Kompromiss abgemeldet ist in unserer schnellen Zeit, in der ein flotter Tweet mehr Menschen erreicht als eine komplizierte Diskussion mit ganz vielen Nebensätzen.
Demokratische Aushandlungsprozesse führen zum Kompromiss. Und obwohl wir hier wohl alle zustimmen würden, dass der Kompromiss wichtig ist, tut er im realen Einzelfall dann oft richtig weh. Ein sozialdemokratischer Kanzler hat mal gesagt: „Entscheidung durch eine Parlamentsmehrheit setzt bei den vielen Einzelnen die Fähigkeit und den Willen zum Kompromiss voraus! (…) mit dem Kompromiss [ist dann allerdings] oft ein Verlust an Stringenz und Konsequenz des politischen Handelns verknüpft.“
Wir spüren gerade an Wahlergebnissen, was so ein Verlust der Stringenz bedeuten kann. Aber ich bin überzeugt, dass es notwendig ist, der Sehnsucht nach „reiner Lehre“, nach einhundertprozent-oder-nichts-Mentalität nicht nachzugeben, wenn man tatsächlich etwas für die Realität der Menschen erreichen will.
Da habt ihr es in einen Verband tatsächlich leichter als wir, die politisch Verantwortung übernommen haben, denn ihr könnt immer die „reine Lehre“ fordern. Ich glaube, es braucht am Ende beides. Starke Verbände und starke Parteien.

Verena Bentele:
Das finde ich auch!

5. Ausblick

Verena Bentele:
Am Ende ist unsere Geschichte eine Werbung für Vertrauen. Und eine Werbung dafür, sich aufzuraffen. „Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr euch weist. Weil Leben heißt: sich regen! Weil Leben wandern heißt.“
Die Sünderin unserer Geschichte weiß ja nicht, dass Jesus sie akzeptieren wird. Dass Jesus sich von ihr berühren lässt. Sie glaubt daran.
Vertrauen ist eine so wichtige Ressource für uns alle. Vertrauen heißt auch, dass wir uns entspannen können, dass wir uns sicher und aufgehoben fühlen. Am Anfang hast Du von der Sünde gesprochen. Für mich ist es fast eine Art Sünde, wenn wir meinen, dass wir alles kontrollieren können.
Der Titel meines Buches ist auch mein Motto: „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.“ Kontrolle führt vielleicht ans Ziel, Vertrauen führt auf eine andere Ebene. Vertrauen bringt uns andere Menschen erst richtig nah und hilft mir beim Sprung aufs Siegertreppchen.

Kerstin Griese:
„Vertraut den neuen Wegen“; das ist auch eines meiner Lieblingslieder und wir singen es ja in der evangelischen Kirche sehr oft und gerne.
Um noch einmal auf unsere Bibelstelle zu kommen: Dem Konflikt in der Stadt setzt auch Jesus etwas entgegen. Die Stadt redet über „die Sünderin“. Und Jesus sagt: Wer viel liebt, dem wird viel vergeben.
Ich erinnere mich gerne an Begegnungen mit Franz Müntefering, er hat oft Hanna Ahrendt zitiert: „Politik ist angewandte Liebe zum Leben.“ Das gefällt mir gut. Das ist für mich auch eine Richtschnur. Das bedeutet für mich einen Glauben, der in die Tat führt. Das Engagement für Menschen in Not, der Einsatz für eine solidarische, freie und friedliche Gesellschaft.
Mir ist der Einsatz für eine humanitäre Flüchtlingspolitik sehr wichtig. Danke, dass der Kirchentag hier ein Zeichen setzt!
Mir ist der Einsatz für ein solidarisches Miteinander in der Gesellschaft sehr wichtig, wo nicht alt gegen jung, arm gegen reich, gesund gegen krank gegeneinander ausgespielt werden. Ich will, dass starke Schultern mehr tragen als Schwache, dass alle teilhaben können, eine inklusive Gesellschaft.
Urprotestantisch ist die Geschichte von der Sünderin und ihrem großen Vertrauen. Am Anfang unserer Geschichte ist von Sünde die Rede. Sünde ist dabei nichts moralisches, sondern fehlende Offenheit für das, was Gott für seine Schöpfung gewollt hat. Das ist nichts, was man machen oder ändern kann. Das ist einfach da. Nicht nur in der Sünderin, sondern in der ganzen Stadt.
Aber am Ende der Geschichte steht, dass das Vertrauen sie gerettet hat. Und sie kann in Frieden gehen. Das wünsche ich Ihnen und Euch, meine Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder auch. Vielleicht können wir etwas von diesem Frieden spüren, wenn wir gleich noch einmal Musik zum Ausklang hören, und danach einen weiteren vollen Kirchentagstag erleben. Mit vielen Gelegenheiten, sich von anderen Menschen und ihren Geschichten berühren zu lassen.
Ich jedenfalls trage dieses Grundvertrauen immer bei mir. Auch wenn man Misstrauen erlebt. Auch in schweren Situationen, wie wir sie gerade in meiner Partei erleben. Es lohnt sich, den Menschen und dem Leben mit Grundvertrauen zu begegnen. Weil auch Gott den Menschen mit Grundvertrauen begegnet.
Die Kirchentagslosung ‚Was für ein Vertrauen‘ verdeutlich für mich Mut und Zukunftszuversicht. In einer Welt, in der sich Verunsicherung breit macht, ist es gut, dass sich Christinnen und Christen gemeinsam zeigen wollen, dass Vertrauen für Ermutigung sorgt.
Was für ein Vertrauen!