Herzlich willkommen in der Mitte der Gesellschaft

Nicht nur die Flüchtlinge und die Willkommenskultur waren Thema auf dem Neujahrsempfang der Düsseldorfer Graf Recke Stiftung. Es ging auch um Menschen, die hier aufgewachsen sind und am Rande der Gesellschaft leben, Menschen mit Behinderung und die älter Werdenden.

» Graf Recke Stiftung: Neujahresempfang

Kerstin Griese, Mitglied im Kuratorium der Graf Recke Stiftung, redet auf dem Neujahrsempfang in der Graf Recke Kirche.

Kerstin Griese, Mitglied im Kuratorium der Graf Recke Stiftung, redet auf dem Neujahrsempfang in der Graf Recke Kirche.

1. Herzlich willkommen in der Mitte der Gesellschaft: Flüchtlinge

Unser Land verändert sich. Wir haben die Bilder vor Augen: von den vielen Geflohenen, die bei uns Schutz suchen, die aus Krieg, Terror und Gewalt zu uns gekommen sind und oft einen schlimmen Fluchtweg hinter sich haben. Und die vielen Menschen, die seit Monaten in ihren Städten und Gemeinden die Flüchtlinge willkommen heißen, ihnen an den Bahnhöfen entgegen kommen, Betten aufbauen, Kleidung spenden, Lebensmittel verteilen, zusammen kochen und spielen, bei Ämtergängen helfen und vieles mehr. Ich habe in den letzten Monaten oft das Gefühl, dass die Flüchtlinge in unserem Land eine Seite geweckt haben, von der wir gar nicht wussten, dass es sie gibt. Dass so viel Kraft und Energie gespendet wird, um Menschen zu helfen, das ist großartig, und alle, die sich haupt-oder ehrenamtlich dort engagieren, haben ein großes Dankeschön verdient.

Kerstin Griese und Birgit Alkenings, Hildens Bürgermeisterin, auf dem Neujahrsempfang.

Kerstin Griese und Birgit Alkenings, Hildens Bürgermeisterin, auf dem Neujahrsempfang.

Musikalische Begleitung: Ben Kim und Ayumi Paul.

Musikalische Begleitung: Ben Kim und Ayumi Paul.

Wie wir mit den Flüchtlingen umgehen, wie wir sie aufnehmen und sie in unsere Gesellschaft integrieren, das wird für unsere Zukunft und auch für das Bild Deutschlands in der Welt entscheidend sein. Es hat mich in dieser Woche sehr berührt, dass die Holocaust-Überlebende Ruth Klüger, 84 Jahre alt, im Bundestag in der Gedenkstunde gesagt hat, dass „dieses Land, das vor 80 Jahren für die schlimmsten Verbrechen verantwortlich war, heute den Beifall der Welt gewonnen“ hat.

Nach der Registrierung, Unterbringung und ersten Versorgung geht es in den nächsten Jahren um die Integration der Menschen, die zu uns geflohen sind und die bei uns bleiben. Das ist die noch größere Aufgabe. Um ihnen eine rasche Integration in unsere Gesellschaft zu ermöglichen, braucht es vor allem drei Ansätze: Sprache, Bildung und Arbeit. Deshalb beschäftigen wir uns in der Politik zurzeit nahezu dauernd mit dem Ausbau von Integrations- und Sprachkursen, mit Kita- und Schulplätzen, mit finanzieller Unterstützung der Länder und Kommunen und – im Ausschuss für Arbeit und Soziales – ganz besonders damit, wie Integration in Arbeit gelingen kann. In NRW haben wir mit dem Ausbau von „Integration Points“, speziellen Anlaufstellen der Arbeitsagenturen und Jobcenter für Flüchtlinge, bereits begonnen, das ist ein sehr sinnvoller Ansatz. Wir werden uns alle engagieren, damit aus Fremden Nachbarn, Kollegen und Freunde werden.

Integration kann nur mit Hilfe der vielen, vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer gelingen, die Flüchtlinge willkommen heißen, unterstützen, begleiten, sie aufnehmen und ihnen bei den ersten Schritten in ein neues Leben in einem fremden Land zur Seite stehen.

Letzte Woche habe ich zur praktischen Vorbereitung auf diesen Neujahrsempfang verschiedene Einrichtungen der Graf Recke Stiftung besucht und konnte mir vor Ort ein genaueres Bild von der Arbeit machen. Vielen Dank dafür. Und vielen Dank, dass es auch in der Graf Recke Stiftung heißt: Herzlich willkommen. In diesem Fall: Herzlich willkommen an unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. In einer Aufnahmegruppe hier auf dem Campus Wittlaer konnte ich erleben, wie mit wie viel Engagement und Zuwendung die Jugendlichen dort betreut und unterstützt werden, damit sie hier bei uns Fuß fassen können. Manche von ihnen haben in ihren Herkunftsländern und auf dem langen Weg zu uns Schreckliches erlebt und brauchen professionelle Hilfe, um diese traumatischen Erfahrungen verarbeiten zu können. Die Graf Recke Stiftung holt sie mit ihrer Arbeit in ihre Mitte.

2. Herzlich willkommen in der Mitte der Gesellschaft: Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben

Bei aller Energie, die wir, sei es in der Politik, in der sozialen Arbeit, im Ehrenamt, in den Kirchen, zurzeit in die Flüchtlingsarbeit investieren, ist es ganz wichtig, die Menschen nicht aufzugeben, die bei uns aufgewachsen sind und die große Probleme haben und die sich am Rande der Gesellschaft fühlen. Gerade deshalb ist es jetzt so wichtig, dass wir die Programme für Langzeitarbeitslose nicht nur weiter führen, sondern dass wir sie ausweiten und deutlich machen: Keiner wird vergessen. Das betrifft auch und ganz besonders Jugendliche, die Probleme haben und um die sich die Graf Recke Stiftung schon seit vielen Jahren intensiv kümmert. Mein Rundgang über den Campus Wittlaer hat mich auch zu den Förderschulen der Graf Recke Stiftung geführt, wo Sie eine tolle Arbeit machen.

Sehr beeindruckt hat mich der Besuch einer sexualtherapeutischen Wohngruppe für Jugendliche, die wegen Sexualdelikten vorbestraft sind und deren Strafe zur Bewährung ausgesetzt ist. 14-, 15-Jährige, die aufgrund der Schwere ihrer Delikte in anderen therapeutischen Einrichtungen gar nicht mehr aufgenommen würden. Ihnen wird hier mit sehr hohem Betreuungsaufwand und sehr klaren Regeln eine Chance gegeben, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Ich bewundere das Engagement der Betreuerinnen und Betreuer, mit dem sie versuchen, dieser sehr schwierigen Klientel zurück in die Mitte der Gesellschaft zu helfen und sie nicht aufzugeben. Denn das ist eine Erfahrung, die sie oft im Leben machen mussten.

Die Förderung von Kindern und Jugendlichen, die oft aus schwierigen Verhältnissen stammen und die Unterstützung dabei, später ein selbständiges, selbstbestimmtes Leben führen zu können, ist ja der älteste Bereich der Arbeit der Graf Recke Stiftung.

Menschen am Rande der Gesellschaft, das sind aber nicht nur die Flüchtlinge und benachteiligte Kinder und Jugendliche, das sind auch Menschen mit psychischen Erkrankungen. Hier habe ich mich sehr gefreut, dass die Graf Recke Stiftung ein Modellprojektstandort für die Inklusion von Menschen mit psychischen Erkrankungen geworden ist, eine immer größer werdende Gruppe. Aber es geht auch um Menschen besonderen Bedürfnissen, mit Behinderungen und es sind, in zunehmendem Maße, auch alte und pflegebedürftige Menschen.

3. Herzlich willkommen in der Mitte der Gesellschaft: Menschen mit Behinderung und Ältere

In dieser Woche ist die erste Lego-Figur im Rollstuhl auf den Markt gekommen. Ein Junge im Rollstuhl – natürlich mit Mütze, die trägt man ja Winter wie Sommer, weil das cool ist – gehört zum neuen City-Set. Lego hat anscheinend auf eine Petition reagiert, mit der über 20.000 Menschen gefordert haben, auch Kinder mit Behinderung beim Spielzeug zu berücksichtigen. Denn in der Tat: die Inklusion von Menschen mit Behinderung ist eine überfällige Aufgabe, die wir als Gesellschaft zusammen leisten müssen. Eine menschliche Gesellschaft ist immer eine inklusive Gesellschaft. Ein neues Bundesteilhabegesetz, an dem das Sozialministerium gerade intensiv arbeitet, wird demnächst vorgelegt. Wir wollen den besonderen Belangen und Bedürfnissen behinderter Menschen gerecht werden. Unter dem Motto „Nicht über uns, ohne uns“ hat das Ministerium in den letzten beiden Jahren unter Beteiligung von Betroffenenverbänden Vorschläge für ein zeitgemäßes Teilhabegesetz erarbeitet. Die Richtung geht von der Ausgrenzung zur Inklusion, von der Einrichtungszentrierung auf die Personenzentrierung, von der Fremd- zur Selbstbestimmung, vom Kostenträger zum Dienstleister, von der Defizit- zur Ressourcenorientierung.

Verbesserungen bei der Einkommens- und Vermögensheranziehung in der Eingliederungshilfe sind ein intensiv diskutiertes Thema. Ich setze mich persönlich dafür ein, dass es dort deutliche Verbesserungen geben muss, denn es kann nicht sein, dass Menschen mit Behinderung zwar immer häufiger Geld verdienen können, dass sie davon aber – fast – nichts haben.

Der Wechsel zu einem personenzentrierten, ressourcenorientierten Ansatz, zu Leistungen wie aus einer Hand soll das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen erleichtern. Ich weiß, dass Sie alle auf dieses neue Gesetz warten, muss Ihnen aber sagen, dass der zurzeit kursierende Entwurf erst im Vorstadium ist und noch nicht von der Ministerin autorisiert ist. Wir brauchen aber Ihre Unterstützung, wenn es in den nächsten Monaten darum geht, daraus ein gutes Gesetz zu machen – und das auch beim Finanzminister durchzusetzen.

Lassen Sie mich zuletzt noch kurz auf die älteren und pflegebedürftigen Menschen eingehen. Das war übrigens der wärmste Teil meines Rundganges, das Walter-Kobold-Haus, denn anscheinend gelten für die unterschiedlichen Zielgruppen der Arbeit auch unterschiedliche Raumtemperaturen, in denen man sich wohl fühlt.

Die demografische Entwicklung in Deutschland gibt unserer Gesellschaft langsam aber sicher ein anderes, ein älteres Gesicht. Die Zahl der alten und der hochaltrigen Menschen steigt stetig. Diese Entwicklung wird flankiert durch die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen, eine positive Entwicklung, und durch eine stärkere Mobilität berufstätiger Menschen. Alte und pflegedürftige Menschen werden künftig seltener von Angehörigen gepflegt werden können. Zugleich nimmt ihre Zahl stetig zu. Und mit ihnen auch die Zahl demenziell erkrankter Menschen, deren Pflege für Angehörige eine besondere Herausforderung bedeutet und die dauerhaft nicht immer im Familienkreis bewältigt werden kann. Neue Wohn- und Betreuungsformen für pflegebedürftige sowie speziell für demenziell Erkrankte müssen erprobt und eingeführt werden. Die ambulante Pflege, wie sie die Graf Recke Stiftung anbietet, wird in Zukunft noch mehr als bisher benötigt.

Viele Herausforderungen, die eine gute Sozialpolitik bewältigen muss, bleiben gleich: die besondere Unterstützung von Menschen am Rande der Gesellschaft etwa, von Benachteiligten, von Menschen mit Problemen. Andere ändern sich: auf die Folgen der demografischen Entwicklung müssen passende Antworten gefunden werden. Und wieder andere kommen überraschend, wie die große Zahl von Flüchtlingen, die innerhalb kurzer Zeit bei uns Schutz suchen. Auf alle diese Herausforderungen antwortet eine gute Sozialpolitik, indem sie versucht, die ganze Gesellschaft mitzunehmen, indem sie allen die gleichen Chancen ermöglicht und Menschen je nach ihren besonderen Bedürfnissen unterstützt, manche brauchen eben mehrere Chancen, damit keiner am Rand der Gesellschaft bleibt, sondern alle in ihrer Mitte ihren Platz finden.

Ging es zu Zeiten des Grafs von der Recke-Volmerstein vor rund 200 Jahren um das Retten und Erziehen akut gefährdeter Kinder und Jugendlicher aus seinem christlichen Selbstverständnis heraus, so ist die Graf Recke Stiftung heute, mit dem gleichen christlichen Selbstverständnis, aber mit modernen pädagogischen, pflegerischen und therapeutischen Konzepten dabei, Menschen vom Rande der Gesellschaft in ihre Mitte zu holen.

Die biblische goldene Regel, die sich auch die Graf Recke Stiftung auf die Fahnen bzw. auf die Lesezeichen geschrieben hat: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihr ihnen ebenso.“ (Matthäus, 7.12) leitet die Arbeit der Mitarbeitenden. Ich habe bei meinem Rundgang erlebt, wie kompetent, engagiert, liebevoll und zugewandt die Fachkräfte mit den Menschen, die ihnen anvertraut sind, umgegangen sind. Deshalb ein ganz großes Danke für ihre tolle Arbeit in der Graf Recke Stiftung, die das Motto „Herzlich willkommen in der Mitte der Gesellschaft“ wahrlich verdient hat.